Auf eine Tote
Ha! dieser Reize reicher Überfluß
ist schon so frühe in den Staub gesunken!
Es hat der kalte Tod mit seinem Kuß
schon deiner Seele heißen Wein getrunken!
Noch ein Mal seh‘ ich diesen Körper an,
halb voll Bewunderung, halb voll stummer Rührung,
den die Natur verschwenderisch angetan
mit jeder Schönheit weiblicher Verführung.
Die Welt tritt zischelnd an den Totenschrein
und wirft, gebläht von stummem Eigenruhme,
herzlos auf die Gefallne Stein um Stein,
verhöhnend die so früh geknickte Blume.
Ich aber starr‘ auf diesen Tempel hin,
der, lang entweiht, verfallen der Vernichtung;
und um den Leib der schönen Sünderin
werf‘ ich den Purpurmantel meiner Dichtung.
Heinrich Leuthold
1827-1874